Irène Mélix

irène mélix (Vorwort zur Zeitung)

Europa hat den Grenzzaun zum Grenzraum umgedacht. Der Schlagbaum wird abgelöst und unsichtbar. Wer ist die Grenzüberschreitende? Und wie ist ihre Geschichte?

Der „Dresden-Wroclaw-Express“ verkehrte bis 2015 grenzüberschreitend zwischen Polen und Deutschland. Er überfährt die deutsche Grenze und die polnische granica zeitgleich (wobei das altslawische granica den Ursprung bildet). Aus finanziellen Gründen wurde der Betrieb vor einigen Jahren eingestellt, seit diesem Jahr besteht wieder eine Verbindung, der neue Grenzüberschreiter ist langsamer als sein Vorgänger. Die Zeitung in Ihren Händen verdichtet hoffentlich die zusätzliche Reisezeit ins Intensive.

Die Grenze, territorial gedacht: verhandelt, gezogen, aufgeteilt, eingeordnet, vertraglich fixiert, kontrolliert, überwacht, verteidigt, hergestellt. Aufgehalten werden oder nicht, durchgehen, durchdringen, drüberfahren, überwinden, überschreiten, überschreiben, durchbrechen, abreißen, darüber laufen.

Diese Erscheinungsart der Grenze ist die der territorialen Markierung, die beispielsweise zwei Länder voneinander abgrenzt. Sie war die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland, ist die zwischen Polen und Belarus, zwischen Spanien und Portugal. Sie ist die europäische Außengrenze mit ihren Zäunen, Abwehrsystemen und ihrer als „Grenzschutzagentur“ bezeichneten Organisation FRONTEX, die den Tod vieler Menschen verursacht. Sie sterben bei dem Versuch, die Grenze auf der Suche nach einer sicheren und besseren Zukunft zu überwinden.
Schon im Denkmotiv des Eigenen und des Fremden als feste Größen, die die Grundlage für menschenverachtende Agitation sind, erscheint die Grenze als Instrument der abGRENZung. Die Bilder der angeschwemmten Schwimmwesten auf Lesbos erzählen von ihrer letzten Konsequenz.

„Das Denken in binären Kategorien (fremd/eigen), die Überzeugung, Fremdes und Eigenes seien konstante und genau bestimmbare Größen, stellen eine Sackgasse im Denken dar.“ (1) Der Weg aus der Sackgasse wäre, das Eigene, das Andere sowie das Fremde in Beziehung zueinander zu setzen und ihre Wechselwirkungen, ihre Abhängigkeiten voneinander deutlich zu machen. Alois Wierlacher schlägt mit seinem Konzept der kulturellen Alterität vor, an dieser Stelle anzusetzen, um sich aus den binären Systemen hinausdenken zu können:
„Einer logozentrisch ausgerichteten und patriarchalischen Tradition würde demnach eine nichtpatriarchalische Denktradition gegenüberstehen, welche sich durch eine Pluralität der Sinne und der Möglichkeiten der Kommunikation auszeichnet. Einer traditionell vom Bewusstsein beherrschten Welt, in der Binarität, Optisches, Männlichkeit, Licht und ein fester Glaube an die Sprache grundlegend sind, wird mit dem Konzept der kulturellen Alterität eine Welt gegenübergestellt, in welcher dem Unbewussten eine grundlegende Rolle zukommt.“ (2)

Aleida und Jan Assmann plädieren in diesem Sinne für eine Denkweise der Grenze, die dem territorialen Phänomen und dessen Binarität des Dies- und Jenseits, der Grenze als linearisiertem Phänomen das Dazwischen anbietet (3). Eine Überwindung der Linie bietet ein enormes Potenzial, dass statt starren Einheiten, wie etwa der Nation, in meinen Augen ganz andere Möglichkeiten in Aussicht stellt. Die Formulierung dieser Möglichkeiten könnte Aufgabe der Künste sein und lässt sich beispielsweise in der polnischen Nachkriegsliteratur in Gestalt des Grenzgangs auch finden:
„Grenzen als Trennlinien, Abgrenzungsphänomene können überschritten werden....Grenzen können aber auch überschrieben werden – in diesem Sinne werden sie als etwas Veränderliches, Wandelbares wahrgenommen.“ (4)
Die Figur der Grenzgängerin wäre dann eine, die den Schritt in und durch das Dazwischen schafft.

„Grenzgänger loten die prekären, vertrackten Verhältnisse der Zwischenräume aus. Das erhellt auch, warum es so schwer ist, die grenzgängerische Balance zu halten: zu groß ist die Verlockung der unkomplizierten, stabilen Einseitigkeiten. Mit der Figur des Grenzgängers wird der vereinfachenden Polarisierung (fremd/eigen; Freund/Feind) entgangen, Zwischenpositionen werden erkundet.“ (5)
Der Grenzgang ist die Position zwischen Gruppen, die an starren Identitäten festhalten und auf ihre eigene Überlegenheit bestehen. Es ist das „weder Hier noch Dort“, das ständig Balancierende. Es ist eine fragile Position und eine zweifelnde, keineswegs jedoch Passive.
Der Grenzgänger oder die Grenzgängerin ist Hauptfigur dieser Zeitung und vielleicht ist die Zeitung selbst eine Grenzgängerin. Sie ist die Begleiterin der Reisenden zwischen hier und da, bei dem Überschreiten der territorialen Grenze. Darüber hinaus macht sie, in Gestalt der künstlerischen Arbeiten, auch den Schritt in den beschriebenen Grenzraum: in das Dazwischen.

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(1)Wierlacher, Alois. Kulturthema Freiheit. Iudicium. München 1993 (S.64)
(2)Royon, Natacha. Wiederkehr im Wort – Östliche Erinnerungsorte in Werken von Wolfgang Koeppen, Johannes Bobrowski, Czeslaw Milosz und Stefan Chwin. Verlag Dr. Kovac. Hamburg 2010 (S.59)
(3)Es sei erwähnt, dass auch politisch die Konzeption der linearen Grenze mit dem Zaun als ihrer Verkörperung immer weniger zutreffend ist. Zu beobachten ist eher eine Ausdehnung in den Raum, an den Außengrenzen zu Nordafrika beispielsweise durch Einsätze im Mittelmeer, Zäunen und Mauern schon weit im Landesinneren der Herkunftsländer und Lager an deren Küsten.
(4)Royon, Natacha. Wiederkehr im Wort – Östliche Erinnerungsorte in Werken von Wolfgang Koeppen, Johannes Bobrowski, Czeslaw Milosz und Stefan Chwin. Verlag Dr. Kovac. Hamburg 2010 (S.71)
(5)Assmann, Jan (Hrsg.). Kultur und Konflikt. Edition suhrkamp. Frankfurt am Main 1990 (S.38)